Kapitel 1

Kapitel 2C: Die Versuchung des Unbekannten

Von Holger Lemke, veröffentlicht am 12.10.2026

Kiki entschied sich für die dritte Nachricht.

Sie wusste nicht genau, weshalb.

Vielleicht weil sie an diesem Morgen keine Lust hatte, mit Problemen anzufangen.

Vielleicht weil ihre Neugier größer war als ihre Vorsicht.

Oder weil sie sich für ein paar Minuten erlauben wollte, von etwas anderem zu träumen als ihrem bisherigen Alltag.

Sie öffnete die Nachricht.

Und musste lächeln.

Ein breites, vollkommen unwillkürliches Lächeln.

„Du bist unmöglich“, sagte sie leise.

Es gab Menschen, bei denen man sich selbst nach langer Zeit nicht erklären musste.

Ihre alte Freundin gehörte dazu.

Sie kannte Kikis Humor.

Ihre Neugier.

Ihr gelegentlich ziemlich loses Mundwerk.

Und vermutlich auch ihre Schwäche für Situationen, die zunächst ein kleines bisschen verrückt klangen.

Kiki las die Nachricht erneut.

Das Angebot stand noch immer im Raum.

Verlockend.

Ungewöhnlich.

Und ausreichend offen, um ihre Fantasie auf Hochtouren zu bringen.

Sie stellte sich vor, wie es wäre, etwas Neues zu erleben.

Nicht ständig dieselben Fragen zu beantworten.

Nicht immer die verlässliche, kompetente und vernünftige Version ihrer selbst zu sein.

Sondern einfach Kiki.

Die Frau, die gern lachte, mit Menschen flirtete, sich auf interessante Gespräche einließ und gelegentlich etwas sagte, nur um zu beobachten, wie ihr Gegenüber darauf reagierte.

Die Frau, die sich nicht dafür entschuldigte, neugierig zu sein.

Oder attraktiv.

Oder ehrgeizig.

Oder manchmal widersprüchlich.

Sie lehnte sich zurück.

Die Sonne wärmte inzwischen ihre Schultern.

Vielleicht lag gerade darin der besondere Reiz des Angebots.

Es versprach nicht unbedingt ein besseres Leben.

Aber ein anderes.

Und manchmal war schon diese Vorstellung aufregend genug.

Andererseits kannte Kiki sich selbst.

Sie wusste, dass ihre Begeisterung gelegentlich schneller war als ihre Vernunft.

Das bedeutete nicht, dass sie leichtsinnig war.

Nur, dass sie sich manchmal bewusst erlaubte, Möglichkeiten ernst zu nehmen, die andere sofort verwarfen.

Sie nahm das Smartphone in beide Hände.

Was genau erwartest du eigentlich von mir?

Die Frage wäre eine gute Antwort gewesen.

Vielleicht zu sachlich.

Kiki grinste.

Sie könnte ihre Freundin auch ein wenig aufziehen.

Eine freche Bemerkung.

Eine provokante Frage.

Etwas, das deutlich machte, dass sie neugierig war, ohne bereits zuzustimmen.

Das gefiel ihr besser.

Ihre Finger flogen über die Tastatur.

Sie schrieb einen Satz.

Las ihn.

Und lachte.

„Nein, das kannst du unmöglich schicken.“

Eine Sekunde später betrachtete sie die Nachricht erneut.

„Obwohl ...“

Sie hielt den Daumen über der Sendetaste.

In ihrem Kopf mischten sich Vorfreude, Unsicherheit und eine Ahnung davon, dass aus einer scheinbar harmlosen Antwort vielleicht etwas entstehen konnte, mit dem sie bisher überhaupt nicht gerechnet hatte.

Kiki biss sich nachdenklich auf die Unterlippe.

Dann erschien dieses vertraute, herausfordernde Funkeln in ihren Augen.

Kapitel 2

Kapitel 3B1 – Die große Chance

Von Holger Lemke, veröffentlicht am 12.10.2026

Kiki las die berufliche Nachricht erneut.

Eine neue Möglichkeit.

Ein anderer Verantwortungsbereich.

Die Aussicht, endlich wieder eigene Ideen einbringen zu können.

Allein diese Vorstellung brachte etwas in Bewegung.

Sie richtete sich auf und nahm ihren Notizblock.

Was sprach dafür?

Was dagegen?

Sie begann eine Liste.

Doch nach wenigen Augenblicken legte sie den Stift wieder weg.

Das Problem war nicht, dass sie die Argumente nicht kannte.

Das Problem war, dass sie plötzlich wieder Begeisterung empfand.

Und Begeisterung ließ sich schlecht in Tabellen unterbringen.

Sie dachte an die vergangenen Monate zurück.

An Aufgaben, die früher spannend gewesen waren und sich inzwischen nur noch wiederholten.

An Besprechungen, in denen viel geredet und wenig entschieden wurde.

An dieses merkwürdige Gefühl, dass ihre Fähigkeiten eigentlich für mehr reichen müssten.

Nicht unbedingt für eine höhere Position.

Aber für etwas Sinnvolleres.

Sie formulierte eine Antwort.

„Das klingt interessant. Ich würde gern mehr darüber erfahren.“

Dann schickte sie die Nachricht ab.

Ein kleiner Schritt.

Noch keine Entscheidung.

Aber einer, der sich richtig anfühlte.

Kurze Zeit später erhielt sie eine Einladung zu einem unverbindlichen Gespräch.

Kiki betrachtete den Termin.

Sie könnte hingehen.

Fragen stellen.

Menschen kennenlernen.

Vielleicht feststellen, dass die ganze Sache doch nicht zu ihr passte.

Oder entdecken, dass sie beruflich viel mehr Möglichkeiten hatte, als sie sich bisher zugestanden hatte.

Sie lächelte.

„Na also. Geht doch.“

Zum ersten Mal seit Wochen freute sie sich auf ein Gespräch über ihre berufliche Zukunft.

Kapitel 3

Kapitel 4A2-1 – Die andere Frau

Von Holger Lemke, veröffentlicht am 12.10.2026

„Es hat mit jemandem zu tun, den du kennst.“

Kiki betrachtete die Nachricht.

Sie hatte diesen Satz inzwischen mindestens fünfmal gelesen.

Ihr Kopf produzierte Möglichkeiten, eine unangenehmer als die andere.

Schließlich rief sie an.

Als das Gespräch angenommen wurde, verzichtete sie auf jede Begrüßung.

„Wer?“

Eine Pause.

Dann fiel ein Name.

Kiki wurde still.

Sie kannte diese Frau.

Nicht besonders gut, aber gut genug, um sich an Begegnungen, Gespräche und beiläufige Bemerkungen zu erinnern.

„Und was genau hat sie mit uns zu tun?“

Die Antwort kam zögerlich.

Es hatte Gespräche gegeben.

Nachrichten.

Vertrauliche Dinge, die Kiki selbst nicht erfahren hatte.

Ob mehr dahintersteckte, blieb zunächst unklar.

Kiki hörte aufmerksam zu.

Ihre Stimme wurde auffallend ruhig.

Das war selten ein gutes Zeichen.

„Du erzählst mir also, dass du mit einer anderen Frau über Probleme in unserer Beziehung gesprochen hast, über die du mit mir nicht sprechen konntest?“

„So einfach ist das nicht.“

Kiki lachte kurz.

Ohne jede Freude.

„Natürlich nicht. Es ist nie einfach, wenn man Dinge verschweigt.“

Sie stand auf und begann langsam durch die Küche zu gehen.

Eifersucht war ein Gefühl, das sie nicht besonders mochte.

Nicht, weil sie sich für unangreifbar hielt.

Sondern weil Eifersucht Menschen dazu bringen konnte, Fragen zu stellen, auf deren Antworten sie überhaupt nicht vorbereitet waren.

„Ist zwischen euch etwas passiert?“

Wieder eine Pause.

Zu lang.

Kiki schloss die Augen.

„Ich brauche eine ehrliche Antwort.“

„Wir haben uns näher kennengelernt, als ich geplant hatte.“

Kiki blieb stehen.

Dieser Satz konnte vieles bedeuten.

Vielleicht zu vieles.

„Dann solltest du dir sehr genau überlegen, was du mir als Nächstes sagst.“

Sie beendete das Gespräch nicht.

Noch nicht.

Denn sie wollte verstehen, was geschehen war.

Doch während sie auf die Erklärung wartete, wurde ihr bewusst, dass sie sich gerade nicht nur über einen möglichen Vertrauensbruch Gedanken machte.

Sie fragte sich, wie gut sie den Menschen eigentlich kannte, dem sie bisher vertraut hatte.

Kapitel 4

Kapitel 5A1-1-2 – Die Versuchung von gestern

Von Holger Lemke, veröffentlicht am 12.10.2026

Kiki fühlte sich nach dem Gespräch erleichtert.

Sie hatte zum ersten Mal seit Wochen das Gefühl, dass zwischen ihr und ihrem Partner wieder etwas möglich war.

Keine perfekte Harmonie.

Aber ehrliche Nähe.

Als sie später allein in der Küche stand und die Gläser wegräumte, vibrierte ihr Smartphone.

Eine Nachricht von einem Namen, den sie seit längerer Zeit nicht mehr gesehen hatte.

Kiki erstarrte kurz.

Dann lächelte sie unwillkürlich.

Sie kannte diesen Mann aus einer früheren Phase ihres Lebens. Damals hatte es zwischen ihnen eine besondere Anziehung gegeben, ohne dass daraus eine feste Beziehung entstanden war.

Er war charmant gewesen.

Unverschämt direkt.

Und einer der wenigen Menschen, die auf Kikis Provokationen nicht verlegen, sondern mit noch frecheren Antworten reagiert hatten.

Die Nachricht war einfach.

„Ich habe heute etwas gesehen, das mich sofort an dich erinnert hat. Wie geht es dir?“

Kiki las sie zweimal.

Sie wusste, dass ein harmloses Gespräch nicht automatisch etwas bedeutete.

Trotzdem spürte sie ein vertrautes Kribbeln.

Nicht unbedingt wegen des Mannes selbst.

Vielleicht wegen der Erinnerung daran, wie unbeschwert sie sich damals gefühlt hatte.

Sie setzte sich.

War es unfair, sich darüber zu freuen?

Vielleicht.

Vielleicht auch nicht.

Sie hatte ihrer Beziehung gerade eine neue Chance gegeben. Das bedeutete jedoch nicht, dass sie plötzlich aufhörte, andere Menschen interessant zu finden.

Entscheidend war, wie sie damit umging.

Kiki begann eine Antwort.

Löschte sie.

Schrieb erneut.

„Mir geht es gut. Deine Nachricht überrascht mich. Was hast du denn gesehen?“

Sie schickte die Nachricht ab.

Kurz darauf erschien ein Foto.

Kiki musste lachen.

Es zeigte etwas, das unmittelbar mit einem alten gemeinsamen Erlebnis verbunden war.

Doch darunter stand ein weiterer Satz:

„Ich bin nächste Woche in deiner Stadt. Vielleicht trinken wir einen Kaffee?“

Kiki betrachtete die Einladung.

Vor wenigen Stunden hatte sie sich vorgenommen, ihre Beziehung ernsthaft zu verbessern.

Jetzt meldete sich ein Mensch, der eine ganz andere Seite ihrer Persönlichkeit kannte.

Sie wusste noch nicht, ob sie ihn treffen wollte.

Aber sie ahnte, dass die Entscheidung mehr über sie selbst verraten könnte, als ihr lieb war.

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