Kapitel 1
Kapitel 1 – Drei Nachrichten
Der Kaffee war zu heiß, um ihn zu trinken, und Kiki hatte längst aufgehört, darauf zu warten, dass er abkühlte.
Sie saß barfuß am Küchentisch, ein Bein unter sich angewinkelt, die Finger locker um die weiße Porzellantasse gelegt. Das Sonnenlicht fiel schräg durch das Fenster und zeichnete helle Streifen auf die Tischplatte. Irgendwo draußen zwitscherte ein Vogel mit einer Begeisterung, die sie an diesem Morgen beinahe persönlich nahm.
Sonntag.
Ein Tag, an dem vernünftige Menschen ausschliefen, ausgiebig frühstückten oder sich mit jemandem unter der Bettdecke versteckten, den sie gernhatten.
Kiki tat nichts davon.
Stattdessen betrachtete sie ihr Smartphone.
Drei Nachrichten.
Drei kleine Rechtecke auf einem Bildschirm, hinter denen möglicherweise mehr steckte als hinter all den gut gemeinten Ratschlägen, die sie sich in den vergangenen Wochen selbst gegeben hatte.
Sie verzog den Mund.
„Großartig“, murmelte sie. „Mein Leben ist offenbar zu einer dieser schlechten Serien geworden, bei denen man am Ende jeder Folge entscheiden muss, wer als Nächstes leidet.“
Sie musste über sich selbst lachen.
Wenigstens ihren Humor hatte sie noch.
Obwohl sie sich bei einigen anderen Dingen inzwischen nicht mehr ganz sicher war.
Früher hatte Kiki geglaubt, dass man Veränderungen kommen spürte.
Dass es diesen einen Augenblick gab, in dem etwas zerbrach, eine Wahrheit ausgesprochen wurde oder sich plötzlich eine Tür öffnete, die man vorher übersehen hatte.
Inzwischen vermutete sie, dass sich die wirklich wichtigen Veränderungen viel unauffälliger ankündigten.
Vielleicht durch ein Gespräch, das nicht stattfand.
Durch einen Kuss, der sich anders anfühlte als früher.
Oder durch einen Montagmorgen, an dem man aufwachte und sich fragte, weshalb man eigentlich noch aufstehen wollte, um irgendwo hinzugehen, wo man sich längst nicht mehr richtig am Platz fühlte.
Kiki hatte keine Angst vor Arbeit. Ganz im Gegenteil.
Sie mochte Herausforderungen. Sie mochte es, Probleme zu lösen, Menschen zu durchschauen und Situationen zu beherrschen, in denen andere längst die Nerven verloren.
Sie war gut darin, Möglichkeiten zu erkennen.
Vielleicht war genau das ihr Problem.
Sie erkannte inzwischen zu viele.
Und keine davon ließ sich einfach ignorieren.
Ihr Blick wanderte zum Fenster.
Das warme Licht auf ihrer Haut fühlte sich angenehm an. Sie streckte die Beine aus, schloss für einen Moment die Augen und versuchte herauszufinden, wann aus einer gewissen Unzufriedenheit diese merkwürdige innere Unruhe geworden war.
Es war nicht so, dass ihr Leben schlecht war.
Das wäre einfacher gewesen.
Wenn alles furchtbar wäre, könnte man gehen, ohne ständig darüber nachzudenken, was man zurückließ.
Aber ihr Leben bestand aus einer unverschämt komplizierten Mischung aus schönen Momenten, Gewohnheiten, Erwartungen und Dingen, die eigentlich funktionieren sollten.
Eigentlich.
Kiki hasste dieses Wort.
Es war der elegante kleine Bruder von aber.
Eigentlich war sie zufrieden.
Eigentlich wusste sie, was sie wollte.
Eigentlich hatte sie keinen Grund, alles infrage zu stellen.
Und eigentlich sollte sie aufhören, sich selbst etwas vorzumachen.
Sie öffnete die Augen.
„Na, das war jetzt aber ausgesprochen hilfreich“, sagte sie trocken.
Ihre Gedanken wanderten zu ihrer Beziehung.
Es gab Erinnerungen, bei denen sie noch immer lächeln musste. Dieses besondere Gefühl, von einem Menschen angesehen zu werden, als wäre man gerade der interessanteste Mensch auf der Welt. Das angenehme Kribbeln, wenn eine zufällige Berührung vielleicht gar nicht so zufällig war. Die vertraute Nähe, bei der man nicht jedes Wort erklären musste.
Kiki mochte Nähe.
Sehr sogar.
Sie liebte das Spiel aus Blicken, kleinen Provokationen und unausgesprochenen Versprechen.
Sie wusste, welche Wirkung sie haben konnte.
Manchmal genügte es, den Kopf ein wenig schräg zu legen, einen Satz bewusst unvollendet zu lassen oder jemanden eine Sekunde länger anzusehen, als es die Höflichkeit erforderte.
Es machte ihr Spaß.
Nicht, weil sie andere Menschen verletzen wollte.
Sondern weil zwischen zwei Menschen manchmal etwas entstand, das aufregender war als jede sorgfältig geplante Verabredung.
Ein Knistern.
Eine Möglichkeit.
Eine Frage, die niemand laut aussprach.
Kiki konnte durchaus diejenige sein, die bei einem solchen Spiel die Regeln bestimmte. Sie konnte aber ebenso genießen, wenn sie einem Menschen genug vertraute, um die Kontrolle freiwillig abzugeben.
Beides hatte seinen Reiz.
Nur eines konnte sie nicht ausstehen: wenn jemand ihre Offenheit mit Schwäche verwechselte.
Sie war keine Frau, die sich gern in eine Rolle drängen ließ.
Weder in die der unkomplizierten Freundin, die alles verstand, noch in die der verführerischen Schönheit, von der man erwartete, dass sie immer lächelte.
Sie konnte liebevoll sein.
Unverschämt.
Geduldig.
Ungeduldig.
Und manchmal alles innerhalb von fünf Minuten.
Aber in letzter Zeit hatte sie häufiger das Gefühl, dass irgendetwas zwischen ihr und ihrer Beziehung stand.
Vielleicht waren es unterschiedliche Erwartungen.
Vielleicht unausgesprochene Wünsche.
Vielleicht hatte sich etwas verändert, das früher selbstverständlich gewesen war.
Oder sie selbst hatte sich verändert.
Der Gedanke war unangenehmer, als sie erwartet hatte.
Denn wenn sich ein anderer Mensch veränderte, konnte man sich darüber ärgern.
Wenn man sich selbst veränderte, musste man irgendwann herausfinden, was man damit anfangen wollte.
Kiki strich mit dem Daumen über den warmen Henkel ihrer Tasse.
Sie wollte nicht leichtfertig aufgeben, was einmal Bedeutung gehabt hatte.
Aber sie wollte ebenso wenig aus Angst vor einer Veränderung an etwas festhalten, das sie möglicherweise nicht mehr glücklich machte.
Was, wenn beides stimmt?
Was, wenn man jemanden lieben konnte und trotzdem etwas vermisste?
Was, wenn Vertrautheit und Sehnsucht keine Gegensätze waren?
Sie seufzte.
„Liebe sollte mit einer Gebrauchsanweisung geliefert werden.“
Am besten mit einer Fehlersuche.
Problem: Gefühle widersprechen sich.
Lösung: Bitte versuchen Sie, Ihr Herz neu zu starten.
Ein kurzes Lächeln huschte über ihr Gesicht.
Leider funktionierten Menschen nicht wie Geräte.
Und vielleicht war das sogar gut so.
Bei der Arbeit war es anders.
Dort gab es weniger Schmetterlinge, dafür mehr Verpflichtungen.
Kiki hatte ihren Beruf einmal mit einem Gefühl begonnen, das sie inzwischen vermisste: Vorfreude.
Sie hatte gern Ideen entwickelt, Verantwortung übernommen und erlebt, dass ihre Fähigkeiten einen Unterschied machten.
Sie wollte etwas bewirken.
Nicht unbedingt berühmt werden. Nicht um jeden Preis Karriere machen. Nicht ständig höher, schneller und weiter.
Aber sie wollte abends das Gefühl haben, ihre Zeit nicht einfach gegen Geld eingetauscht zu haben.
In letzter Zeit fiel ihr genau das schwer.
Es gab Tage, an denen sie funktionierte, freundlich war, Aufgaben erledigte und sogar lachte.
Von außen hätte vermutlich niemand bemerkt, dass sie innerlich längst woanders war.
Sie konnte gut funktionieren.
Vielleicht zu gut.
Kiki wusste, wie man Erwartungen erfüllte. Wie man selbst dann souverän wirkte, wenn man eigentlich lieber die Augen verdrehen wollte. Wie man mit einem Lächeln eine angespannte Situation entschärfte.
Doch sie wusste auch, dass Kompetenz und Zufriedenheit nicht dasselbe waren.
Nur weil sie etwas gut konnte, bedeutete das noch lange nicht, dass sie es für immer tun musste.
Der Gedanke gefiel ihr.
Und machte ihr gleichzeitig Angst.
Denn berufliche Veränderungen waren keine hübschen Gedankenspiele, bei denen man einfach ausprobieren konnte, welche Version des eigenen Lebens am besten aussah.
Sie hatten Konsequenzen.
Finanzielle.
Persönliche.
Praktische.
Kiki war intelligent genug, um das zu wissen, und ehrlich genug, um sich keine romantischen Geschichten über einen mühelosen Neuanfang zu erzählen.
Andererseits ...
Sie stellte die Tasse ab.
Wie lange sollte man vernünftig bleiben, wenn die eigene Vernunft einen zunehmend unglücklich machte?
Und dann war da noch ihre alte Freundin.
Allein der Gedanke ließ etwas in Kiki aufleben, das sich nicht so leicht benennen ließ.
Neugier vielleicht.
Oder Abenteuerlust.
Die beiden kannten sich lange genug, um voneinander Seiten zu kennen, die anderen verborgen blieben. Kiki musste bei ihr nicht ständig die kontrollierte, schlagfertige Frau sein, die jede Situation mit einem passenden Kommentar beherrschte.
Sie durfte auch zweifeln.
Oder verrückte Ideen haben.
Oder sich für einen Augenblick fragen, wie sich ein völlig anderes Leben anfühlen könnte.
Das Angebot ihrer Freundin hatte genau diesen Teil in ihr angesprochen.
Den Teil, der manchmal etwas Unvernünftiges tun wollte, einfach um herauszufinden, ob es wirklich so unvernünftig war.
Seitdem kehrten ihre Gedanken immer wieder dorthin zurück.
Was wäre, wenn sie sich tatsächlich auf etwas Neues einließe?
Wenn sie nicht immer nur über Veränderungen nachdachte?
Wenn sie sich selbst überraschte?
Kiki lächelte langsam.
Sie mochte Überraschungen.
Zumindest diejenigen, bei denen sie hinterher noch selbst entscheiden konnte, was daraus wurde.
Und doch war da dieses leise Misstrauen gegenüber der eigenen Begeisterung.
Vielleicht reizte sie die Möglichkeit nur deshalb so sehr, weil ihr gegenwärtiges Leben sie einengte.
Vielleicht würde sie in einigen Wochen über ihre heutigen Gedanken lachen.
Vielleicht auch nicht.
Sie wusste es nicht.
Und diese Ungewissheit war gleichzeitig das Beunruhigendste und das Aufregendste an der ganzen Sache.
Das Smartphone lag noch immer vor ihr.
Der Bildschirm war inzwischen dunkel geworden.
Kiki betrachtete ihr Spiegelbild auf der schwarzen Oberfläche.
Ein wenig zerzaustes Haar.
Wache Augen.
Ein Gesicht, das sie gut kannte und das ihr heute trotzdem seltsam nachdenklich vorkam.
Sie war jung.
Sie war unabhängig genug, eigene Entscheidungen zu treffen.
Und sie hatte wirklich keine Lust, irgendwann festzustellen, dass sie aus lauter Rücksicht auf Gewohnheiten ihr eigenes Leben verpasst hatte.
Andererseits musste nicht jede Unsicherheit sofort in eine dramatische Veränderung münden.
Vielleicht war sie gerade einfach erschöpft.
Vielleicht brauchte sie ein ehrliches Gespräch.
Vielleicht eine neue Herausforderung.
Vielleicht jemanden, der sie wieder auf eine Weise ansah, bei der sie vergaß, ihre eigenen Gedanken zu kontrollieren.
Oder vielleicht brauchte sie für eine Weile überhaupt niemanden, der irgendetwas von ihr erwartete.
Diese letzte Möglichkeit überraschte sie.
Kiki war gern unter Menschen.
Sie genoss Aufmerksamkeit, wenn sie sich richtig anfühlte. Sie liebte interessante Gespräche, Flirts und das Gefühl, einen Menschen mit wenigen Worten aus dem Konzept bringen zu können.
Doch Aufmerksamkeit war nicht dasselbe wie Verständnis.
Und begehrt zu werden bedeutete nicht automatisch, gesehen zu werden.
Dieser Gedanke blieb länger bei ihr hängen.
Sie nahm endlich einen Schluck Kaffee.
Lauwarm.
Natürlich.
„Perfektes Timing“, murmelte sie.
Dann schüttelte sie den Kopf und lachte leise.
Sie musste aufhören, alles zu analysieren.
Zumindest für fünf Minuten.
Kiki griff nach ihrem Smartphone.
Kaum berührte ihr Finger die Oberfläche, erwachte der Bildschirm zum Leben.
Drei ungeöffnete Nachrichten.
Sie betrachtete die Absender.
Ihr Herz reagierte auf jeden Namen ein wenig anders.
Bei dem einen regte sich etwas Vertrautes, das zugleich tröstlich und kompliziert war.
Bei dem zweiten dachte sie unwillkürlich an all die Fragen, für die sie noch keine zufriedenstellenden Antworten gefunden hatte.
Und bei dem dritten spürte sie diese eigentümliche Mischung aus Vorfreude und Vorsicht, die sie inzwischen nur zu gut kannte.
Drei Nachrichten.
Drei mögliche Anfänge.
Vielleicht würde keine davon etwas Wesentliches verändern.
Vielleicht würde eine einzige genügen, um diesen Sonntag zu einem Tag zu machen, an den sie sich noch lange erinnerte.
Kiki legte den Kopf schief.
Es war absurd, einem so gewöhnlichen Moment eine solche Bedeutung beizumessen.
Schließlich ging es zunächst nur darum, eine Nachricht zu lesen.
Nicht darum, eine Beziehung zu beenden.
Nicht darum, den Beruf zu wechseln.
Nicht darum, sich Hals über Kopf in ein Abenteuer zu stürzen.
Nur lesen.
Mehr nicht.
Und seit wann, fragte sie sich, bin ich eigentlich eine Frau, die Angst davor hat, eine verdammte Nachricht zu öffnen?
Ihre Mundwinkel hoben sich.
Da war sie wieder.
Diese kleine, trotzige Stimme, die sich meldete, wenn ihre Gedanken drohten, sich im Kreis zu drehen.
Kiki richtete sich auf.
Die Sonne hatte inzwischen einen warmen Fleck auf ihren Unterarm gezeichnet. Draußen begann irgendwo der ganz gewöhnliche Lärm eines Sonntagmorgens.
Die Welt wartete nicht auf ihre Entscheidung.
Das war irgendwie beruhigend.
Sie konnte sich Zeit lassen.
Sie konnte Fehler machen.
Sie durfte etwas wollen, ohne bereits zu wissen, ob es richtig war.
Und sie musste niemandem beweisen, dass sie ihr Leben jederzeit vollkommen im Griff hatte.
Kiki strich sich eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht.
Dann ließ sie ihren Blick ein letztes Mal über die drei Benachrichtigungen wandern.
Ihr Zeigefinger schwebte über dem Display.
Für einen Augenblick zögerte sie.
Nicht lange.
Nur lange genug, um sich zu fragen, ob sie lieber mit dem Vertrauten beginnen, sich zuerst dem Unangenehmen stellen oder ihrer Neugier folgen sollte.
Ein fast herausforderndes Lächeln erschien auf ihren Lippen.
„Na schön“, flüsterte sie. „Wer von euch bekommt mich zuerst?“
Sie senkte den Finger.
Und entschied sich.
Wie soll die Geschichte weitergehen?
Idee einreichen
Sie dürfen keine Ideen einreichen.
Kommentare (0)
Noch keine Kommentare vorhanden.
Zum Kommentieren müssen Sie angemeldet sein.